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Heute morgen habe ich den Bericht eines Crewmitglieds von Tony Robbins Mega-Coachingevents wiederholt gelesen, um den Text auf Widersprüche und Hinweise auf Abhängigkeitsdynamiken zu analysieren. Gleichzeitig meldete sich eine andere Stimme in mir zu Wort: Diese Frau, die im Zeitraum von zehn Jahren immer wieder zu den Events gereist ist – Fahrt, Verpflegung, Übernachtung auf Selbstkostenbasis – und dort über mehrere Tage unbezahlte 20-Stunden-Schichten für Unleash the Power und Date with Destiny geschoben hat, gemeinsam mit mehreren hundert weiteren freiwilligen, unbezahlten Helfern, hat das offenkundig gern getan. Ihren Texten zufolge konnte sie viel daraus für sich mitnehmen, auch wenn sie gar nicht beim Seminar im Hauptraum dabei war, sondern in der Tiefgarage des Hotels Robbins’ Merchandising verkauft hat. Sie beschreibt unter anderem, dass sie mit jeder Veranstaltung von Tony Robbins in ihrem Sein als Coach, als Mensch gewachsen ist.
Warum will ich da schädliche Dynamiken offenlegen? Gibt es diese Dynamiken wirklich oder sehe ich Muster, wo keine sind, weil ich in meinem eigenen Narrativ kreise?
Ich richte meinen Fokus auf die Stimme und, mit so viel Aufmerksamkeit bedacht, legt sie richtig los:
Für wen schreibe ich eigentlich dieses Buch?
Mit dem französischen Philosophen Michel Foucault kann ich zunächst das Begehren formulieren, „nicht in jene gefährliche Ordnung des Diskurses eintreten müssen“1. Und es ist eine einsame Arbeit, das kann ich Ihnen verraten. Eine Freundin sagte letztens zu mir, dass sie sich mit diesem Thema, über das ich schreibe, gar nicht auf diese Weise beschäftigen will – so ungebremst und nicht abgefedert – weil sie sonst in eine Krise geraten würde. Eine andere hegt die Befürchtung, ich würde Weltbilder zerstören. Meine Mitarbeiterin hält den Super-Selbsthilfe-Coach Tony Robbins, den Ur-Coach sozusagen, für sehr inspirierend, während ich denke, er ist ein schäbiger Ausbeuter. Viel lieber wäre mir positive Resonanz. Viel lieber wäre es mir, um mit Foucault zu sprechen, „daß [der Diskurs] um mich herum eine ruhige, tiefe und unendlich offene Transparenz bilde, in der die anderen meinem Erwarten antworten und aus der die Wahrheiten eine nach der anderen hervorgehen“2.
Aber das geschieht nicht. Wer diesen Diskurs betritt, wird vereinzelt, nicht getragen. Selbst beim Frauennetzwerktreffen, das ich gemeinsam mit zwei anderen Frauen für unsere Region organisiere, komme ich mir in der Vorstellungsrunde wie eine Außenseiterin vor. Eine Teilnehmerin berichtet, dass sie als Lebenshilfe-Coach mit der Methode von Byron Katie arbeitet – und schon spüre ich, wie ich mich innerlich zusammenziehe. Eine ethische Grenze. Katies Umkehrtechnik kann zur Internalisierung von Verantwortung für traumatische Erfahrungen führen. Das ist Täterentlastung als spirituelle Praxis.
Natürlich wusste ich das zu Beginn meiner Recherchen noch nicht. Damals sah ich Katies The Work lediglich als überschätzte und vor allem extrem überdehnte kognitive Methode, die den Körper als primären Zugang zu Erfahrungen außer Acht lässt. Und genau das bewirkt der analytische Blick: Nicht nur mehr Kontext, mehr Informationen zu „etablierten“ und kulthaften Methoden, sondern die Verbindung zum Handeln und Sprechen ihrer Akteure wie Katie oder Robbins. Für mich persönlich bekommt Gabor Matés Frage nach der Gültigkeit von Wahrheiten aus fehlerhaften Quellen eine neue Dimension: Wer bestimmt, was Wahrheiten sind? Wo sind die Grenzen dieser Wahrheiten?
Und vor allem:
Wem dienen Wahrheiten dazu, soziales oder ökonomisches Kapital zu akkumulieren?
Kehren wir zurück zum Frauennetzwerk-Abend. Ich stecke mitten im Thema Machtdynamiken, schreibe gerade dieses Buch, und erwähne es in meiner persönlichen Vorstellung. Um nicht gleich irgendwem auf die Füße zu treten, gebe ich nicht zu viel preis, zumal beim Betreten des Veranstaltungsortes Om mani padme hum aus den Lautsprechern tönte, und zwar in der Version von Moritz Schneider. Er ist der Hofkomponist von Astrologin Silke Schäfer, die in dieser Essayserie im Teil Kollektivauftrag Hauptthema sein wird, und die ich mithilfe von Byung-Chul Hans Psychopolitik unter einer neoliberalen Ideologie-Lupe betrachte.
Ich trete mit diesem Buch in die Lücke eines Diskurses ein, der sich gegen Kritik immunisiert und damit jahrelange Erfahrung hat. Das wurde auch anhand Koppelmanns Reaktion auf meine Kritik an Geld = Energie deutlich, mein Störsignal, das sie durch eine Sex-Analogie neutralisiert hat. Lindau hingegen machte mich mit einer Machtgeste als Sprecherin im Feld unsichtbar, als ich einen seiner Substacks kommentierte. Über dieses Material können Sie sich im Essay über „Double Bind“ einen eigenen Eindruck verschaffen. Die Wahrheit also trägt mich nicht „wie ein glückliches Findelkind“3. Die eine Hand mit meiner verschlungen, in der anderen ein Schwert, tritt sie mit mir in Beziehungen hinein, in Weltbilder und Freundschaften und vor allem in spirituelle Zugehörigkeiten und persönliche Heilungsgeschichten. Denn der Diskurs beschreibt nicht die Machtkämpfe und den Willen zur Herrschaft. Er selbst steht in deren Zentrum, er ist „die Macht, deren man sich zu bemächtigen sucht“4.
Selbstverortung
Als Coach arbeite ich für mein Prozessverständnis oft mit Astrologie oder Kartenlegen. Das gebe ich unumwunden zu, um mich gegen den Einwand zu immunisieren, mit diesem Buch eine weitere Abrechnung mit der Eso-Szene zu schreiben, ihr pseudowissenschaftliche Methodik zu unterstellen und sowieso nur daran zu glauben, was nach wissenschaftlichen Maßstäben evident und der Falsifizierung bislang entgangen ist.
Denn so einfach ist das nicht. Zwar habe ich ein sehr fragmentiertes Wissen von der Welt, doch das Streben nach Ganzheit ist mir nicht fremd. Außerdem gewann ich in meinem Psychologiestudiums die Einsicht, dass die standardisierten Verfahren der Psychotherapie nicht zu meinem beruflichen Weg gehören werden. Vor allem die kognitive Verhaltenstherapie halte ich für eine stark asymmetrische Methode, die den Körper nicht einbezieht. Und trotzdem habe ich einen der wichtigsten Sätze für mein Leben, eine Erleuchtung im wahrsten Sinne, aus dem Mund einer klassischen Verhaltenstherapeutin vernommen. Damals ging es darum, mich im letzten Schritt aus einer langjährigen, zutiefst verstrickten Beziehung zu lösen, und sie fragte mich, welcher Mensch meine Bedürfnisse am besten kennen würde. Das hatte die andere Person, zu der ich in Beziehung stand, für sich in Anspruch genommen: Ich wäre so besonders und stünde gleichzeitig unerfahren in der Welt; sie sei diejenige, die meine Bedürfnisse am besten kannte, sie allein wüsste, was ich wirklich brauchte.
Die Frage der Psychotherapeutin konnte ich nicht beantworten. Daraufhin sagte sie: „Na, Sie sind es, Frau Niendorf.“
Kap. 3 Wie sich Macht legitimiert
Teil 1 Das epistemische Machtzentrum
Zwei Seelen im Zoom
Meine engsten Beziehungen halten der Ambivalenz, die mein Schreiben auslöst, bislang stand. Die Widerstände sind wertvolle Informationen für mich, die auf meinen Fokus wirken. Auf Scott Mills Liste der Schweigenden in Kapitel 2 reagierte meine Praxismitarbeiterin mit dem ihr vertrauten, reflexartigen Gedanken, Betroffene sollten nicht in eine Opferhaltung gehen, sondern Verantwortung für sich übernehmen. Oder noch schärfer, wie mein Mann anmerkte: Die Leute gehen doch freiwillig dahin. Er ist Programmierer, expertisenverursachte Asymmetrie kennt er aus seinem Fachgebiet. Doch hat ein Bug selten ähnliche Konsequenzen wie zweifelhafte Interventionen durch einen Coach.
Vor ungefähr drei Jahren habe ich mich für ein ökologisches Projekt als ehrenamtliche Texterin angeboten, für ein privates Forschungsprojekt zu Boden und Ernährung im Umfeld des Gutshauses in Brandenburg, von dem ich im ersten Kapitel berichtet habe. Anfänglich gab es ein abendliches Zoom-Meeting mit den Bewerbern, dem Bereichsleiter für Kommunikation – nennen wir ihn Jens – und einer scheidenden Mitarbeiterin. Es war ein normales Gespräch im Rahmen dessen, was von einem solchen Meeting zu erwarten ist.
Zwei Tage später bekam ich eine Sprachnachricht von Jens. Er teilte mir mit, der spirituelle Begleiter des Projekts, Otto, hätte in die „Menschen hineingespürt, die gerade so im Feld stehen, um im Team mitzumachen“. Der andere Bewerber sei raus, er hätte energetisch nicht gepasst. Mit mir hingegen würde man gern zusammenarbeiten. Es wären noch ein bis zwei spannende Sachen herausgekommen, wo Jens sich vorstellen könne, dass ich gern darüber Bescheid wüsste. Ich sollte mich melden, wenn ich mehr erfahren will.
Klar, so etwas ist immer spannend, und so überging ich auch den Hinweis meines inneren Radars, dass niemand mich um Erlaubnis gefragt hatte. Dennoch erinnere ich mich an diesen Gedanken, und er war auch ziemlich nachhaltig. Auf meine Nachfrage teilte Jens mir mit, dass der zuständige Seelenleser mich zwar als „wahren Menschen” eingestuft hat und mein Beitrag zum Projekt als gedeihlich gilt. Otto habe aber auch herausgefunden, dass ich mit zwei Seelen unterwegs sei, von denen eine potenziell von „dunklen Mächten gekapert” werden könnte. Diese Information ist kein Ausschlussgrund, aber man sollte das bei der weiteren Zusammenarbeit auf dem Schirm haben.
Diese Geschichte ist wirklich passiert. Die anonymisierte Abschrift der kompletten Sprachnachricht5 finden Sie in den Fußnoten. Und darüber lachen, wie ich es heute kann, konnte ich vor drei Jahren nicht. Ich war noch mitten im Prozess einer Traumatherapie.
Lassen Sie mich meine damaligen Überlegungen dazu mit Ihnen teilen: Der Gedanke, zwei Seelen zu haben, erschien mir unsinnig. In welchem religiösen Konzept hat ein Mensch bitteschön zwei Seelen? Relativ schnell kam mir die Idee, dass Otto quasi meinen abgespaltenen Anteil, den kindlichen, traumatisierten, erstarrten Anteil in mir als zweite Seele gespürt hätte. Dass es eigentlich mehrere davon gab, wie ich auch in der Therapie oft erfahren hatte – kein inneres Kind, sondern Repräsentanten der „heißen Erinnerungen“ – überging ich in meiner mentalen Eskalation. Das Ganze mündete in einer kognitiven Katastrophisierung. Die Information, dass meine zweite Seele potenziell von dunklen Mächten gekapert werden könnte, aktivierte bei mir die Gefühle von Schutzlosigkeit und des Ausgeliefertseins. Sie sehen, ein solch innerer Abstieg geschieht unsichtbar und ist fast unaufhaltsam.
Als ich mit einer Freundin darüber sprach, zeigte die sich erschrocken – nicht nur über meine Befürchtungen und Ängste, sondern vor allem ob der Grenzüberschreitung durch den spirituellen Begleiter und seinen Handlanger Jens. Ihre sichere Präsenz hat mich relativ schnell wieder zurückgeholt.
Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Einige Tage später lud Jens mich zu einem viertägigen Seminar nach Österreich ein, das Chakren reinigt, falsche Seelenanteile korrigiert und die „wahre Essenz” wiederherstellt. Dies präsentierte er mir als exklusive Vorabinformation, bevor der Termin öffentlich ausgeschrieben wurde. Die Einladung erfolgte explizit mit Verweis auf meine frühere Offenheit gegenüber der Seelen-Diagnose. Die diesbezügliche Sprachnachricht war also nicht nur Information, sondern Qualifizierung für den nächsten Schritt.
Der wissenschaftliche Leiter des Projekts wusste im Übrigen nichts von diesen Vorgängen. Er erzählte mir aber, dass Jens generell als Anwerber für Ottos spirituelles Wirken unterwegs gewesen sei. Die Wege des Projektleiters und der Beteiligten trennten sich kurze Zeit später.
Meine wahre Essenz sollte ich laut Seminarbeschreibung allerdings erst im zweiten Teil erreichen. Zunächst würden die körperlichen Chakren 1 bis 7 gereinigt, fehlerhafte Seelenanteile korrigiert oder gegen die richtigen ausgetauscht werden. Wenn ich den Text heute lese, spüre ich trotz meiner analytischen Distanz den Sog dieser Versprechen. Unser Gedächtnis ist assoziativ, und eine Reinigung impliziert eine mentale Entlastung, die sich angesichts von persönlichen Belastungen als auch Reizüberflutung sicherlich viele wünschen. Bei der Korrektur und dem Austausch von Seelenanteilen wäre ich allerdings vorsichtiger gewesen, trotz der unvergleichlichen „spirituelle[n] Kompetenz“, die Jens bei Otto erlebt hatte, die „wesensverändernd und fortschrittlich“ war.
Psyches Bauplan
Welche Ausbildung der spirituelle Begleiter wohl absolviert hat, um diese Kompetenzen aufzubauen? Auf diese Frage komme ich später in einem anderen Zusammenhang zurück. Zunächst widme ich mich jener geheimnisvollen Dimension, zu der Otto offenbar Zugang hat – und ich nicht, sonst hätte ich über meine Existenz mit zwei Seelen nicht rätseln müssen. An dieser Stelle schwenke ich zur anderen Seite des Feldes: zu einer Akteurin, die ebenfalls eine privilegierte Zugangsberechtigung zum Inneren des Menschen für sich beansprucht: Diplom-Psychologin Stefanie Stahl.
Vielleicht bezweifeln Sie, dass eine approbierte Psychotherapeutin zum Feld der psychospirituellen Szene zählt. Aber Stahl steht mittendrin. Sie und Laura Malina Seiler haben sich gegenseitig in ihre Podcasts eingeladen, mit Veit Lindau hat sie wiederholt Interviews geführt, und sie ist Teil des Flow Summit an der Seite von Akteuren wie Rüdiger Dahlke und Joe Dispenza.
Für den Einstieg nutze ich ein Interview, das Stahl 2022 den Krautreportern Martin Gommel und Lisa McMinn gegeben hat.
„Ich habe im Großen und Ganzen verstanden, wie der Mensch tickt und wie die Psyche konstituiert ist.“6
Und da ist er schon, der exklusive Zugang, unverhohlen und mit direkter Geste gefasst. In diesem Zusammenhang vergleicht Stahl die menschliche Psyche mit Musik, die man anhand von zwölf Tönen und der Harmonielehre strukturell untersuchen könne.
„Alle Menschen haben den gleichen Bauplan. Und der Rest ist wie in der Musik: Thema und Variation.“
Ob das nicht zu einfach gedacht wäre, fragt McMinn. Stahl räumt ein, dass ihr dieser Vorwurf manchmal gemacht werden würde; doch ohne konkretes Argument hätte dieser keine Substanz.
Auf die Nachfrage von Gommel nach traumatisierten Geflüchteten, Opfern von Mobbing, Menschen, die unter gesellschaftlicher Ausgrenzung leiden, die in ihrem Buch Das Kind in dir muss Heimat finden nicht vorkommen, verweist sie auf dessen Untertitel: Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme. Das fast beziehe sich auf Probleme im Außen, die Schicksalsschläge verursachen. Sie beschäftige sich aber mit psychischen Strukturen, dem Inneren des Menschen.
Halten wir kurz inne: Opfer von Mobbing und gesellschaftlicher Ausgrenzung als Schicksalsschläge? Strukturelle Gewalt – soziale Prozesse mit Täterlogik, Gruppenstruktur und Macht – wird ins Außen verschoben, von einer approbierten Psychotherapeutin?
Aber Menschen mit diesen Themen gehören ebenso wenig zu Stahls Zielgruppe wie diejenigen mit schweren psychischen Erkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen. Das sind die „Normalgestörten“, wie der Titel ihres Podcasts und Bühnenshow klar verheißt. Gemeint sind Menschen mit typischen Alltagsproblemen, die „in Beziehungen nicht gut klarkommen, die unter moderaten Depressionen oder Ängsten leiden.“
„Da draußen laufen Millionen Menschen mit richtigen Problemen herum, die sagen: ‚Gott sei Dank habe ich dieses Buch gelesen. Ich bin schon von Pontius zu Pilatus gelaufen und von Therapie zu Therapie. Aber das Buch von Stefanie Stahl, das hat mir wirklich geholfen.’ Darunter finden sie Traumatisierte und andere, die ein sehr schweres Päckchen zu tragen haben.“
Die traumatisierten Geflüchteten aus Gommels vorheriger Frage verschwinden damit wieder aus dem Blick. Übrig bleibt der allgemeine Anspruch: Eigentlich könne doch jeder „in ihrem Buch einen Rat finden“7.
Normative Sprache und deren Eskalation während der Corona-Zeit waren bereits Thema im Kapitel 1: die Klassifikation von Menschen in die Vernünftigen und die Unvernünftigen, wobei letztere zu sanktionieren waren. Bezüglich der politischen Kommunikation bedeutete das eine Reproduktion von patriarchalen Erziehungsmustern. Bei Frau Stahl geht es wohl eher um eine soziale Hierarchisierung, und diese Annahme soll uns folgender Satz illustrieren:
„Aber die Zeit war auch reif, dass die Leute nicht mehr als Sklaven des Unbewussten durch die Gegend latschen und anderen ihr Verhalten zumuten, weil sie ihre Gefühlchen nicht sortiert bekommen.“8
Diese Sprache – ich erwähne es noch einmal, die einer approbierten Psychologin – ist nicht nur normativ, sondern abwertend. Ich entziehe mich meiner eigenen Empörungsspirale, indem ich den Satz mit dem Begriff von Bourdieus Doxa betrachte.
Die Doxa bezeichnet „das unmittelbare Verwachsensein mit der als ‚natürlich‘ erlebten und als selbstverständlich vorgegebenen Welt der Überlieferung“9. Es geht nicht um Meinungen, sondern selbstverständliche Grundannahmen, die im Feld vorherrschen. Seit Freud haben sich zahlreiche Paradigmen über die menschliche Psyche sedimentiert: dass Menschen Muster und Prägungen haben, dass die Kindheit den Erwachsenen erklärt, dass die Psyche Grundstrukturen besitzt. Wer diese versteht, versteht den Menschen, wer diese erklärt, kann Orientierung geben. Das ist die Doxa, das Nährfeld, auf dem Stahls Buch wächst und gedeiht. Sie bietet Lösungen an, wie diese Muster erkannt und aufgelöst, wie Prägungen entlarvt und sich neue Haltungen zugelegt werden können, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln, sich seiner Stärken bewusst zu werden10 – um keine Zumutung mehr für andere zu sein und „der Gesellschaft zur Last [zu] fallen mit [seinem] Verhalten“.
Stahl erwähnt im gleichen Interview, dass „Selbstreflexion und Wohlwollen“ einen guten Therapeuten ausmachen würden. Somit ist ihre Aussage keine therapeutischer Art, sondern vollzieht eine Distinktion: hier eine reflektierte, reife Psychologin mit stabilem Selbstwert, dort die „Sklaven des Unbewussten“, die „ihre Gefühlchen nicht sortiert bekommen“. Das Ticket zum gesellschaftlich Akzeptablen bekommt der Leser mit ihrem Buch.
Man muss nicht gleich von einem Funnel sprechen. Doch immerhin bildet der entsprechende Artikel im Tagesspiegel die Jubiläumsausgabe von Das Kind in dir muss Heimat finden ab: mit goldenem Umschlagcover.
An dieser Stelle geht es nächste Woche (10. Juni) weiter.
Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses. Mit einem Essay von Ralf Konersmann. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1991, S.10.
ebd.
ebd.
ebd., S.11
Transkript Telegram Sprachnachrichten Jens
29. März 2023
„Liebe Antje, hi. So, wir haben gerade im Zoom mit dem [Otto], der uns spirituell begleitet, sowohl einzeln als auch [das Öko-Projekt] in die Menschen reingespürt, die gerade so im Feld stehen, um im Team mitzumachen. Der E., das war ziemlich schnell offensichtlich, ist raus. Da passt es einfach nicht mit der Zusammenarbeit. Genau, das war energetisch irgendwie ziemlich schnell klar. Bei dir passt es gut. Wir würden total gerne mit dir zusammenarbeiten. Und es sind auch noch ein, zwei spannende Sachen in den Abfragen zu dir rausgekommen oder im Reinspüren, wo ich mir vorstellen könnte, dass du ein Interesse hättest, darüber Bescheid zu wissen. Genau, und da ist einfach meine Frage, ob ich die Sachen mit dir teilen soll. Genau. Wir würden auf jeden Fall unsererseits total gern mit dir zusammenarbeiten. Liebe Grüße.
3. April 2023
Hallo, liebe Antje, freut mich, dass du da offen bist. Also was wir immer machen, wenn es darum geht, neue Menschen ins Feld zu holen, ist, [Otto] schaut sich die Seele desjenigen an, also den Zustand der Seele. Und inwiefern ist derjenige ein wahrer Mensch? Also es gibt genug Menschen auf der Welt, die rumlaufen und aussehen wie Menschen, aber da sind andere Bewusstseinsformen im menschlichen Körper aktiv oder andere Wesenheiten. Also nicht alle Menschen sind tatsächlich wahre Menschen. Und dann ist immer noch die Frage, inwiefern handelt derjenige zum Wohl der Menschen. Das sind die Sachen, die für uns relevant sind, weil wir als Projekt eben für die Menschheit, für die Menschheitsfamilie an den Start gehen und deshalb alle Sachen, die nicht zum Wohl der Menschen sind, eben vom Projekt fernhalten wollen. Genau. Und da kam eben raus, dass du eben ein wahrer Mensch bist und zum Wohl, aktuell zum Wohl der wahren Menschen unterwegs bist und es aber einen Teil in dir gibt, der das Potenzial hat, nicht zum Wohl der wahren Menschen zu handeln. Und da hatte [Otto] dann noch mal ein bisschen genauer geschaut und genau sich die Seele angeguckt von dir. Und da kam raus, dass du aktuell mit zwei Seelen unterwegs bist. Also es gibt noch einen zweiten Teil in dir, der aktuell entweder gar nicht richtig aktiv ist oder eben auch zum Wohl der Menschen aktiv ist und der aber das Potenzial hat, ich nenne es mal von der dunklen Seite von dunklen Mächten gekapert zu werden. Und Ja, so viel. Also weiter haben wir da gar nicht geguckt, weil in unserem Interesse war das erstmal alles okay. Also, dass dein Beitrag in [dem Öko-Projekt] gedeihlich ist fürs Projekt und dass wir auf dem Schirm haben, es gibt da ein Potenzial, wo man einfach ab und an mal sich bewusst machen kann, ob das immer noch alles, ja, gedeihlich ist. Ja, weiss ich gar nicht, wie ich das so richtig ausdrücken soll. Genau. Also, du hörst vielleicht raus, es ist alles ganz schön abgespaced und für uns aber mittlerweile einfach relevantes Arbeiten, um uns und das Projekt zu schützen vor unnötigen Störungen, vor unnötigen Belastungen, indem man sich da Energien, Fremdenergien und möglichen Boykott ins Feld holt, wenn man das gar nicht braucht. Und wir sind mittlerweile mit den Erfahrungen, die wir gemacht haben über die letzten anderthalb Jahre, wirklich eben aufmerksam geworden und vorsichtig geworden und schauen eben genauer hin bei den Menschen, die für ein Mitwirken in Frage kommen und haben damit jetzt Ja, ziemlich gute Erfahrung. Ja, ich bin gespannt, was du damit machst, was das mit dir macht, kannst du ja gerne mal teilen. Und ja, soweit erstmal. Ich habe es erstmal einfach weitergeleitet. Liebe Grüße an dich und eine Umarmung.
26. April 2023
Hallo liebe Antje, ich habe hier noch eine kleine Einladung für dich. Und zwar habe ich am Wochenende von Donnerstag bis Sonntag ein sehr intensives Seminar gemacht. in Österreich zusammen mit dem A. und dem B., in dem es darum geht, also es ist ein zweiteiliges Seminar und jetzt in Teil eins ging es darum, die körperlichen Chakren 1 bis 7 komplett zu reinigen und Seelenanteile, die entweder gar nicht da sind oder ausgetauscht sind, wieder zu korrigieren und die richtigen Seelenanteile einzusetzen. In Teil 2 wird es dann weitergehen bis Chakra Nummer 12, sodass man als inkarniertes Wesen erstmal so weit wieder zusammengebaut ist, wie man eigentlich gedacht ist und man erfährt dann seine wahre Essenz. Und genau, wir haben in diesen vier Tagen so unfassbar viel Müll, Dreck, Dunkles, Schwarzes und sonst was aus den einzelnen Teilnehmern gelöst. Es war unglaublich beeindruckend. Und genau, also vor dem Hintergrund deiner Frage, ob du da irgendwo weiterführend mit dem, was ich dir da gesagt hatte, weiterführend forschen könntest, wäre das sicherlich eine Möglichkeit. Und ich habe das dem C. und dem D. empfohlen. Der D. ist auf jeden Fall schon mit dabei. Also C. hat jetzt extra, weil der Doktorvater von F., der eigentlich auch mitmachen wollte und nicht konnte, damit der das Seminar noch machen kann und damit auch die Freundin von C. das Seminar noch machen kann, wird es jetzt also extra nochmal einen neuen Termin geben im Juli, kurzfristig. Und genau, ich habe den F. und den D. dazu eingeladen von [dem Öko-Projekt] und habe den Impuls, dich auch einzuladen, eben, weil du da eine Offenheit hattest, da weiter hinzuschauen. Genau. Und das ist eine spirituelle Kompetenz, die ich da erlebt habe und die ich bisher noch mit nichts vergleichen konnte und das war für mich sehr wesensverändernd, fortschrittlich. Genau. Ja, also kannst du gerne mal schauen, ob du da Resonanz zu hast. Genau, wir sind jetzt die ersten, die von dem Datum wissen, bevor es ausgeschrieben wird. Ja, und weiterhin eine gute Messe.
Gommel, Martin / McMinn, Lisa: „Frau Stahl, gibt es Menschen, denen Sie nicht helfen können?” Krautreporter, 24. November 2022. https://krautreporter.de/psyche-und-gesundheit/4688-frau-stahl-gibt-es-menschen-denen-sie-nicht-helfen-konnen#lesen, abgerufen am 20. März 2026.
Laura Bähr: Interview mit Autorin Stefanie Stahl. In: Stories and Faces, 19. Mai 2020. URL: https://storiesandfaces.com/2020/05/19/interview-mit-autorin-stefanie-stahl/
Hannes Soltau: „Dieser ganze unreflektierte Scheiß regt mich wahnsinnig auf.” Star-Psychologin Stefanie Stahl im Gespräch. In: Der Tagesspiegel (Tagesspiegel Plus), 30. September 2025. URL: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/star-psychologin-stefanie-stahl-im-gesprach-dieser-ganze-unreflektierte-scheiss-regt-mich-wahnsinnig-auf-14395250.html
zitiert nach Eva Barlösius: Pierre Bourdieu. Campus Verlag, Frankfurt 2006, S.28.
Laura Bähr: Interview mit Autorin Stefanie Stahl. In: Stories and Faces, 19. Mai 2020. URL: https://storiesandfaces.com/2020/05/19/interview-mit-autorin-stefanie-stahl/


Wie immer super super spannend! Vielen Dank dafür 🪷
Ich musste etwas lachen, denn direkt nach deinem Audio hat es mir etwas von Veit Lindau reingehauen (den ich nicht Mal abonniere oder Folge 🤔)