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Lindaus Entgegnung per Video1 auf den SZ-Artikel dauert eine Stunde und achtundvierzig Minuten. Er spricht über Verantwortung, über seine Gefühle, über Medien, über Komplexität, über Psychologie, über sein Learning, über Missverständnisse, über Dialog. Er verweist auf die Komplexität psychischer Erkrankungen, darauf, dass Korrelation nicht Kausalität sei, und dass Psychosen auch an anderen Orten auftreten.
Der SZ-Artikel:
„Veit Lindau schreibt: ‚Wir sind uns der Intensität des Prozesses bewusst. Deshalb weisen wir vor dem Seminar ausdrücklich auf die Wichtigkeit einer mentalen Stabilität hin.‘ Im Verlauf von 20 Jahren Seminararbeit hätten sie insgesamt etwa 1000 Teilnehmer gehabt – viermal seien dabei Psychosen aufgetreten: ‚In diesen vier ‚Fällen‘ haben wir uns selbstverständlich persönlich gekümmert und die Personen selbst in die Psychiatrie gefahren und mit den behandelnden Ärzt:innen kooperiert.‘“2
Noch einmal: Meine Analyse beschäftigt sich mit dem Argument, das Lindau selbst bestätigt hat. Vier Psychosen bei 1000 Teilnehmern.
Daher beziehe ich mich jetzt auf zwei Stellen des Videos, an denen er sich zu diesen Fällen äußert. Das erste Mal erwähnt er sie im Zusammenhang mit der Zufriedenheitsgarantie.
„Am Ende des Phönix, wenn du sagst: Nee, das war nichts, kriegst du ohne Diskussion dein Geld zurück. [...] Das ist bei pi mal Daumen 1200 Teilnehmern und Teilnehmerinnen vier Mal passiert. Also so schlimm, so gruselig kann das Seminar nicht sein.“
Später erzeugt er erneut eine Einordnung, die statistisch immer noch nicht haltbar ist. 17 Prozent unserer Bevölkerung hätten in ihrem Leben vereinzelte psychotische Schübe. Klinisch relevant wären ungefähr nur zwei Prozent.
„In einem Seminar, in einem sehr intensiven Seminar, ist es von 1200 Leuten vier Mal passiert.”
Deutlich wird, dass Lindau das Argument nicht sieht. Es ist ein nebensächliches Signal, ein Ablenkungsreiz, der ausgeblendet bleibt. Eine Psychose in den Zusammenhang mit einer Zufriedenheitsgarantie zu bringen, ist unbestreitbar eine ausgesprochen nüchterne Betrachtung. Abgesehen davon, dass damit eine menschliche Tragödie in eine Rückerstattungsstatistik überführt wird.
An anderer Stelle im selben Video zählt er auf, was er aufgebaut hat: Er habe mit „ungefähr 200.000“ Menschen gearbeitet, 30 Bücher für ein Millionenpublikum geschrieben, „200 geführte Meditationen aufgenommen, die von Millionen Menschen gehört werden und jeden Abend gehen zehntausende Menschen mit einer Gutenachtmeditation von mir ins Bett.“ Später zieht er den Schluss:
„Wir gehören zu den Guten. Wir sind unperfekt, aber wir gehören echt zu den Guten.“
Und er gehört damit nicht nur zu den Überlebenden, sondern zu den Gewinnern.
Ian Robertson ist Neurowissenschaftler am Trinity College Dublin und forscht zur Neurobiologie von Macht und Erfolg. Sein Buch Macht. Wie Erfolge uns Verändern beschreibt diesen Prozess chemisch, als Rückkopplungskreislauf:
Gewinnen erhöht den Testosteronspiegel.
Testosteron steigert die Aktivität dopaminerger Systeme.
Motivation und Handlungsdrang nehmen zu.3
Der nächste Sieg wird wahrscheinlicher.
Nach mehreren Siegen erhöhen sich die Androgenrezeptoren, besonders in den Hirnarealen für soziale Aggression, Motivation und Belohnung (Nucleus accumbens, ventrales tegmentales Areal). Testosteronschübe wirken dadurch noch stärker. Die Gehirnchemie verändert sich nachhaltig.4
Diesen neurobiologischen Prozess nennt Robertson den Winner-Effekt.
Akkumulierte Siege übersetzen sich in soziale Asymmetrie. Andere Menschen beginnen, sich dem Gewinner unterzuordnen. Das Erreichen dieses Kipppunkts bezeichnet Robertson als Macht. Eine neurobiologische Verstärkungslogik, die sich mit einer sozialen Struktur verschränkt.
Es ist ein Aufstieg, der mit einer Verschiebung der Aufmerksamkeit einhergeht und einer veränderten Priorisierung von Mitgefühl und Empathie. Testosteron aktiviert den linken präfrontalen Cortex. Das ist der Teil des Gehirns, der Aufmerksamkeit auf ein Ziel konzentriert.5 Was nicht zum Ziel gehört, wird ausgeblendet.
Ablenkungssignale gehören nicht zum Ziel. Macht macht blind gegenüber scheinbar nebensächlichen Signalen, ganz gleich, ob sie zum Rauschen gehören oder echte Warnzeichen sind.
Und Veit Lindau ist seit dreißig Jahren erfolgreich. Der Winner-Effekt läuft seit drei Jahrzehnten. 30 Bücher, 120.000 Mitglieder, zehn Bestseller. Folgt man Robertson, verstärkt sich mit jedem Sieg genau jener neurobiologische Mechanismus, der Motivation erhöht und Selbstkorrektur schwächen kann.
Für das Argument der vier Psychosen von 1000 Teilnehmern ergibt sich somit ein präzises Bild:
Psychose 1 war nicht nur ein Warnsignal, sondern ein Schwarzer Schwan. Und Macht bringt die Fähigkeit aus dem Gleichgewicht, Risiken überhaupt zu erkennen.
Bei Nichtgefallen Psychose
Lindau richtet im Video einige Worte direkt an das Paar. Er glaube zu wissen, wer sie seien. Er sagt:
„Ich hätte mir gewünscht, ihr wärt direkt zu uns gekommen. [...] Ich hoffe, dass euch diese Art hilft, das für euch abzuschließen, in eure Power zu kommen, in eure Selbstwirksamkeit zu kommen.“
Jürgen Müller verbrachte drei Monate in der Psychiatrie. Seine Frau entwickelte eine posttraumatische Belastungsstörung mit mehrjähriger Depression.
Zu den Psychosen allgemein sagt Lindau:
„Jeder einzelne Fall, der bei uns passiert ist, tut mir total leid.“
Am Ende des Videos kündigt er an, künftig einen externen Test durch eine Fachkraft einzuführen.
Die Coaching-Branche ist eine Branche ohne Leitplanken. Es gibt keine Strukturen, wo Menschen um Hilfe ersuchen können, keine Verfahrenswege, keine Rechenschaftspflicht. Das heißt, Medienberichte wie der SZ-Artikel sind der einzige externe Kontrollmechanismus.
Und die Antwort, die Lindau auf den Artikel gibt, ist eine Verengung des Eingangsfilters durch einen Test, den potentielle Teilnehmer ablegen sollen.
Keine Evaluation des Seminars.
Nicht die Fragestellung, ob Schlafentzug, Buddy-System und emotionale Destabilisierung überhaupt vertretbar sind.
Nicht die Überprüfung, wie diese Methoden in einem fachlichen Kontext bewertet werden.
„Wir bieten eine Zufriedenheitsgarantie. Das heißt: Am Ende des Phönix, wenn du sagst: Nee, das war nichts, kriegst du ohne Diskussion dein Geld zurück.“
Robertson beschreibt in seinem Buch auch, wie Macht dazu führen kann, andere Menschen als Objekte zu betrachten. Es ist eine neurobiologische Verstärkungslogik.
Zum Schluss möchte ich eine Brücke zum Anfang dieses Kapitels schlagen. Lindau hatte seine Leser im Substack-Text „Das laute Schweigen“ zu Mittätern ernannt:
„Und egal, für wie liebevoll und unschuldig du dich hältst – auch du hast etwas damit zu tun. Sei es durch Schweigen.“6
Unter seinem Entgegnungs-Video zum SZ-Artikel stehen 238 Kommentare. Hier eine kleine Auswahl:
„An dieser klaren, zutiefst beeindruckenden Replik kann man die gereifte und ausserordentliche Persönlichkeit von Veit sehr gut erkennen. Ich verneige mich vor deiner unerschütterlichen Kraft und Weisheit […]“
„Vielen lieben Dank! So hat der Artikel noch etwas Gutes hervorgebracht!!!“
„Es zeigt mir ebenfalls auf, wenn man selbst zu 100% hinter seiner Arbeit steht, ist man nicht wirklich angreifbar.“
„Als Coachin [finde ich es] sehr wichtig […], die Kritikpunkte an der Szene zu kennen. […] WOW! Du hast so professionell, so fundiert und klar reagiert. Das ist ‚Krisen Management’ auf höchstem Niveau.“
„Durch den Artikel habe ich Lust bekommen an dem Phönix-Seminar teilzunehmen.“
„Es tut mir so leid, dass ein paar ‚unbewusste Menschen/Journalisten‘ deine so wertvolle Arbeit in den Schmutz gezogen haben. […] Du bist ein Segen für diese Welt […]“
In 238 Kommentaren wird die persönliche Tragödie von Jürgen und Sonja Müller nicht ein einziges Mal erwähnt.
„Sei es durch Schweigen.“
Kapitel 2 Teil 3: Der Überlebende überlebt solange er nicht für tot erklärt wird erscheint am 6. Mai 2026
Lindau, Veit: Stellungnahme zum Artikel in der Süddeutschen Zeitung. YouTube, 21. Februar 2024. Abgerufen am 22. März 2026.
Christoph Cadenbach, Kristiana Ludwig: Das Versprechen. Illustrationen: Daniel Stolle. In: Süddeutsche Zeitung, 2. Februar 2024. https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/veit-lindau-life-coach-phoenix-psychose-depression-e804344/, abgerufen am 22. März 2026.
Robertson, Ian: Macht. Wie Erfolge uns verändern. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2014, S.133.
ebd. S.77
ebd. S.137
Veit Lindau: „Das laute Schweigen. Die Epstein-Akten, Deepak Chopra und das Versagen der ‚Bewusstseinselite‘”. Newsletter und Substack-Artikel vom 25. Februar 2026. Abgerufen am 21.3.26



Eben beim Kaffee angehört. Ich kam mir vor wie bei einem professionellen Kultur-Sender.
Der psychologische Effekt von Macht war auch sehr spannend zu hören. Danke!
Und es bestätigt meine Abwendung von Veit einmal mehr.
Vielen Dank für die Recherche und das Audio mit sehr angenehmer Stimme!